Cinenova – Feministischer Film- und Videoverleih, Archiv, kollektive Arbeit und Handlungsräume

Der feministische Film- und Videoverleih Cinenova aus London organisiert diesen Dezember das Veranstaltungsprogramm “Select and Dispossess – Festival mit Cinenova” in der Kunsthalle Exnergasse in Wien.(1) Die Organisation entstand 1991 durch die Zusammenlegung zweier feministischer Video- und Filmverleihe – Circles und Cinema of Women. Beide Organisationen waren in den frühen 1980er Jahren gegründet worden, um die Arbeit von Filmemacherinnen und Videokünstlerinnen zu fördern, bzw. gegen ihre Marginalisierung anzutreten. Seitdem bietet der Verleih die Möglichkeit Film- und Videoarbeiten von Frauen zu sehen, zu zeigen und zu diskutieren, die heute wie damals weit weniger bekannt und verbreitet sind, als die vieler ihrer Kollegen. Das Archiv des Verleihs, das bis ins Jahr 2000 Filme in den Bestand aufnahm, umfasst über 500 Titel von Experimental- und Spielfilmen, Videos, Dokumentationen und Lehrfilmen, die als feministisch und/oder queer gelesen werden können. Es umfasst eine Sammlung von Filmen und Videos, die über die letzten 90 Jahre von Frauen realisiert wurden, und anderen Dokumenten wie Zeitungsartikel und Poster, die eine alternative Filmgeschichte erzählen.(2)

Bereits die Fusion der beiden Vorgängerorganisationen war aufgrund von Kürzungen von Fördergeldern notwendig geworden, und auch Cinenova sieht sich seit 2001 angesichts fehlender Finanzierung mit dessen Auflösung konfrontiert. Seitdem werden das Archiv und der Verleih von freiwilligen Mitarbeiterinnen unentgeltlich betrieben.2009 wurde die Arbeitsgruppe Cinenova(3) gegründet, die sich dafür einsetzt die Sammlung zu erhalten und weiter zu betreiben, anstatt ihren Bestand auf größere und allgemeinere Archive oder Verleihe zu verteilen. Mit dem Anspruch die Sammlung von Cinenova zu aktivieren und zugänglich zu machen, organisierte die Gruppe seit ihrer Gründung eine Reihe von Austellungen und Veranstaltungen, die nicht nur die Filme selbst, sondern auch die Praktiken, Politiken und Handlungsräume des Verleihs und Archivs sichtbar machen.

2011 konzipierte und organisierte die Arbeitsgruppe gemeinsam mit den Kuratorinnen von The Showroom in London das Ausstellungsprojekt “Reproductive Labour” über die Arbeit des Verleihs und Archivs selbst, um unter anderem auf die finanziell schwierige Situation und die Bedeutung von Cinenova aufmerksam zu machen.(4) Die Ausstellung bot die Möglichkeit, selten gezeigte Filme zu sehen, und die Geschichte*n von Film und Video, die einem schwarzen, feministischen und/oder queeren Umfeld entstanden sind, zu diskutieren. An jedem Tag der Ausstellung wurde ein anderer Film aus dem Cinenova Archiv gezeigt, der von eingeladenen Kolleg*innen ausgewählt und kontextualisiert wurde. Zudem konnten die Besucher*innen der Ausstellung auch im Archiv der Organisation recherchieren und Fragen an anwesende Mitarbeiterinnen stellen. Anhand von Filmbeispielen wurde auch die Arbeit von Cinenova selbst diskutiert – die Muster und Verbindungen von heutiger und früherer Film- und Videoarbeit; das Verhältnis von Performance, Materialität und Geschichte*n; eine experimentelle und autonome Herangehensweise zu Arbeitsstrukturen, Geschichtsschreibung, Gender und Sexualität, und Community.

Ein Jahr später zeigte Cinenova eine weitere Filmauswahl in The Showroom im Rahmen der Ausstellung “The Grand Domestic Revolution GOES ON”.(5) Der Titel des dortigen Programms “Their workshop is the home“ war ein Zitat aus dem Film “Homes for the People” der Regisseurin Kay Mander, der 1945 im Wahlkampf für die Labour Party realisiert und von der linken Tagezeitung Daily Herald gesponsert wurde. Der Film stellt den Wiederaufbau nach dem Krieg aus der Perspektive von Frauen aus der Arbeiter*innenklasse dar. Er zeigt Interviews mit Frauen, die während des Gesprächs weiter ihre Hausarbeit verrichten anstatt direkt in die Kamera zu sprechen. Mander vermied es die Arbeit der Frauen idealisiert darzustellen und provozierte Antworten, die keinem Skript entnommen waren. In einer der Szenen macht sich eine Interviewpartnerin über den Designer ihrer Küche lustig und merkt an, dass die Küche wohl nur von einem Mann entworfen sein konnte.

Neben “Homes for the People” stellte das Programm noch weitere Arbeiten aus dem Cinenova Archiv vor, die in ihrem Zusammenwirken klar werden ließen, wie komplex die Schnittstellen zwischen reproduktiver Arbeit und feministischen Politiken sind. Schon im Titel “Their workshop is the home“ wird angekündigt, dass das Eigenheim ein Ort der Arbeit ist. Durch die Vorführungen im Rahmen der Ausstellung generierte Cinenova einen kritischen Raum, in dem frühere Auseinandersetzungen mit Hausarbeit wieder aufgenommen werden können. Die Details, Umstände und Polemiken, die zu den Filmen geführt hatten, konnten beleuchtet und durch den Konvexspiegel der Gegenwart gelesen werden.

Die Ausstellungen und Programme der Cinenova Arbeitsgruppe bieten mit ihren Einblicken in die Sammlung von Filmen, Videos und anderen Materialien einen Ausblick auf alternative Zugänge und Modelle von Kulturproduktion. Sie bringen umfassende Debatten mit sich, die Fragen zur Produktion und Distribution der Arbeiten von Film- und Videomacherinnen stellen. Sie regen dazu an über oppositionelle Geschichten, post-koloniale Kämpfe, Haus- und Pflegearbeit, Repräsentation von Geschlecht, Sexualität, Race, Ethnizität, Klasse, Nationalität nachzudenken, und zeigen mögliche Beziehungen und Allianzen zwischen diesen Feldern auf. Längst Vergessenes, ad acta Gelegtes oder in Abrede gestelltes wird re-aktiviert, re-kontextualisiert und in eine komplexe Diskussion gebracht. Neben den Filmen führen sie auch vor, wie wichtig es ist danach zu fragen, wie Geschichte*n abseits etablierter historischer Narration bewahrt werden, und wie sie in der Gegenwart weiter bestehen und verbreitet werden können. So werden die Räume der Wiederaufführung auch zu Handlungsräumen gemacht.

Bereits 1998 hatte die feministische Filmkritikerin B. Ruby Rich in ihrem Buch “Chick FLICK. Theory and Memories of the Feminist Film Movement” festgehalten, dass sich die feministischen Filme und Videomacherinnen, sowie auch die Kritikerinnen gegen (die damals und heute) aktuell starken rassistischen Strömungen bewegen muss. Dass sich die Akteurinnen aktiv dafür einsetzen müssen, eine Vielfalt an Stimmen im feministischen Film- und Videofeld zu produzieren.(6) Cinenova betonen in einem Interview 2011, dass sie es immer noch für notwendig halten “sich noch stärker um eine kulturelle Diversität zu bemühen” und den Status möglicher Marginalisierungen von Inhalten immer wieder neu zu befragen.(7) Der Cinenova Arbeitsgruppe geht es nicht darum selber als Produzentinnen aufzutreten, sonder Strukturen zu schaffen, die genau das zu ermöglichen. Daher kommt auch die Idee Leute dazu einzuladen sich am Entstehungsprozess von Veranstaltungen zu beteiligen und Filme für ihre Programme auszuwählen. Dieser Ansatz, andere Gruppen und Personen in das Programm zu involvieren, wird auch für das Programm in der Kunsthalle Exnergasse zentral sein.

Text: Nina Höchtl und Julia Wieger
Der Text erschien im kolik.film #20, Oktober 2013

(1) “Select and Dispossess – Festival mit Cinenova” findet von 4. bis 14. Dezember 2013 in der Kunsthalle Exnergasse in Wien statt. Siehe http://www.wuk.at/language/de-AT/event/id/16390
(2) Mehr Information siehe http://cinenova.org/, oder auf facebook: Cinenova-Distribution
Siehe http://www.theshowroom.org/

(3) Die Arbeitsgruppe setzt sich zur Zeit aus folgenden Mitgliedern zusammen: Cay Castagnetto, Emma Hedditch, Karolin Meunier, Charlotte Procter, Irene Revell, Sandra Schäfer, Kerstin Schroedinger und Marina Vishmidt
(4) Die Ausstellung “Reproductive Labour” lief vom Februar bis März 2011 im Austellungsraum The Showroom in London. Im Programm wurden folgende Filme gezeigt: Often During The Day (Joanna Davis, UK, 1979, 16 mins), Homes For The People (Kay Mander, UK, 1945, 30 mins), 17 Rooms (Or What Do Lesbians Do In Bed) (Caroline Shedlon, UK, 1985, 10 mins), Smiling Madame Beudet, (Germain Dulac, France, 1922, 35 mins), The Package (Dara Greenwald with Ona Mirkinson, USA, 2010, 10 mins)
Siehe http://www.theshowroom.org/

(5) “The Grand Domestic Revolution GOES ON” ist ein laufendes Recherche-, Ausstellungs und Publikationsprojekt, das von Casco-Office for Art, Design and Theory aus Utrecht initiiert wurde. Im Oktober 2012 wurde im Rahmen des Projektes ein Ausstellung im The Showroom in London kuratiert und organisiert. Siehe http://www.cascoprojects.org/gdr/
(6) Susemichel, Lea: “Ein anderes visuelles Vokabular. Das Londoner Filmarchiv Cinenova stellt aus.” – In: an.schläge. Wien (2011)

19. November 2013 by admin
Categories: Reading Room | Tags: , | Leave a comment

Leave a Reply

Required fields are marked *